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"Mit moslemischen Kindern ist es in
der Klasse immer aufregend. Die moslemischen Kinder vereinen
sich zu Gruppen. Sie spielen miteinander und machen Scherze.
Doch manchmal kloppen sie auch. Wenn sie Freunde sind und
sich kloppen, dann fast immer aus Spaß. Wenn sie dann
richtig kloppen, dann hat man ein Problem. Sie hören aber
irgendwann auf. Und dann kann man wieder mit ihnen reden."
Dieses Zitat stammt aus dem Schulaufsatz
eines elfjährigen Jungen. Er besucht die sechste Klasse
eines Gymnasiums in einer nordrhein-westfälischen Großstadt.
Die Hälfte seiner Mitschüler ist muslimisch. Der Junge
erkennt den Zusammenhalt seiner muslimischen Mitschüler
ebenso wie deren Gewaltneigung.
Jugendliche Migranten als "Problemgruppe"
Die im vorangegangenen
Artikel beschriebenen Phänomene (jugendliche Migranten, die
wenig integriert und gewaltbereit sind) treten in der Schule
besonders deutlich hervor. Lehrer, insbesondere Lehrerinnen,
sehen sich Schülern muslimischen Glaubens türkischer oder
arabischer Herkunft gegenüber, die ihr Anderssein in Bezug
auf Nationalität betonen und als männliche Jugendliche
gegenüber weiblichen Lehrkräften nicht selten in einer Art "machohaftem"
Auftreten ihre tendenziell verachtende Meinung gegenüber "ungläubigen"
Frauen verbal oder durch Mimik und Gestik zum Ausdruck
bringen. Die Lehrkräfte versuchen einerseits, den
Grundsätzen der "political correctness" und der
Nichtdiskriminierung der Migranten zu folgen und
fremdenfeindliche Reaktionen von deutschen Schülern nicht zu
ermutigen; andererseits stellen die Verhaltensweisen dieser
Jugendlichen die Lehrerautorität in Frage und können nicht
toleriert werden.
Ausländische Jugendliche
versagen in der Schule häufig. Die PISA-Studie hat deutlich
gemacht, dass die z.T. deprimierenden Schulerfolge der
Migranten eng mit einer Unterschichtenherkunft verbunden
sind. Weitergehende Hypothesen versuchen, das Verhalten,
insbesondere von männlichen Migrantenjugendlichen, zu
erklären: Danach wird mangelnde individuelle Zuwendung
psychisch schlecht verarbeitet und kann zu
Leistungsblockaden oder Leistungsverweigerung führen.
Schulische Misserfolge wiederum werden häufig durch
Aggressivität kompensiert.
Als Grundlagen des Lernens
werden so genannte "basic needs" definiert: 1. Sicherheit,
2. Zugehörigkeit/Identität, 3. Respekt. Dr. Weil vom
Berliner Landesinstitut für Schule und Medien konstatiert: "Eine
Schule ohne inerkulturelles Lernen, die die Realität der
multi-kulturellen Gesellschaft in ihrem Bereich verleugnet,
greift erkennbar diese "basic needs" an und erzielt in der
Konsequenz
Lernblockaden".
Schulschwänzen
Lernblockaden bzw. schlechte Ergebnisse
führen in vielen Fällen dazu, dass Jugendliche der Schule
fern bleiben. Schulschwänzen ist ein nach wie deutlich
unterschätztes und von vielen Lehrern verdrängtes Problem.
Schulschwänzen entsteht nach Aussagen von Prof. Pfeiffer
sowohl vor dem Hintergrund innerfamiliärer und sozialer
Belastungsphänomene, aber auch aufgrund innerschulischer
Aspekte. Er vertritt die These, dass die Qualität der
Schulen und die Ernsthaftigkeit, mit der Anwesenheit
kontrolliert wird, sehr wichtige Variablen darstellen.
Schuleschwänzen hat fatale Folgen, denn: "Schule ist der
einzige Ort, an dem man an alle jungen Menschen herankommt.
Schule ist der Ort, wo die Diskussion über richtiges Leben
auflaufen muss. Schule darf nicht nur Wissensvermittlung
leisten, sondern muss auch zu Auseinandersetzungen über den
Kurs, den man im Leben einschlägt, anleiten."[1]
Schulen dürfen deshalb keine "Felder der Ignoranz" sein. Im
Gegenteil.
Schule als Lernfeld
Jene Lehrer, die sich die
Probleme jugendlicher Migranten bewusst machen und
interkulturelle Lerninhalte vermitteln, erzielen damit große
Erfolge. Sie erreichen etwas, was Prof. Pfeiffer eine "Kultur
der emotionalen Akzeptanz" nennt. Lehrer sind dann besonders
erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, das Andersartige einer
Kultur interessant darzustellen. So hatte sich die Lehrerin
einer Klasse mit einem hohen Anteil türkischer Kinder
angesichts häufiger und z.T. aggressiv ausgetragener
Konflikte dazu entschlossen, mit der gesamten Klasse eine
türkische Moschee zu besuchen. Die deutschen Schüler waren
von der orientalischen Pracht und der Offenheit, mit der sie
empfangen wurden, sehr beeindruckt: "Als ich in die Moschee
reinging, dachte ich, ich wäre in einem Palast. Ich fühlte
mich reich... Ich war vom Teppich richtig verzaubert." "Wir
durften Fragen stellen. Die Antworten waren sehr interessant...
und wir durften auch mit denen beten, das war sehr schön."
"Die Moslems haben eine gute Religion, auch wenn sie anders
ist." Die türkischen Schüler hingegen waren sehr erleichtert
und stolz, dass es ihren deutschen Mitschülern so gut
gefallen hat: "Es war ein gutes Gefühl, den deutschen
Kindern mal zu erklären, wie es in der Moschee ist und wie
unsere Religion ist. Ich habe gehört, dass es ihnen auch
sehr gut gefallen hat." "Ich dachte, dass die christlichen
Kinder lachen oder etwas Falsches machen. Da die es aber
richtig und schön gemacht haben, habe ich tief Luft geholt
vor Erleichterung. Denn ich wollte keinen schlechten
Eindruck machen... Als Muslim war ich nach diesem guten
Ereignis sehr stolz."
Türkische und deutsche
Kinder sind sich durch diesen Besuch der Moschee sehr viel
näher gekommen. Viele Missverständnisse konnten abgebaut
werden. Der Nährboden für eine "Kultur der emotionalen
Akzeptanz" ist gelegt. Die Lehrerin besuchte anschließend
türkische Eltern, deren Kinder Probleme in der Schule hatten.
Der Besuch in der Moschee hatte die Gesprächsbereitschaft
auf der türkischen Seite enorm erhöht. Man fühlte sich
akzeptiert. Folglich wurde auch die Lehrerin freundlich
aufgenommen.
Eltern ausländischer
Jugendlicher können auch aktiv in den Schulunterricht
eingebunden werden, um die gegenseitigen Hemmschwellen
herabzusetzen. Sie können beispielsweise gemeinsam beten
oder landestypische Gerichte zubereiten. Gleichermaßen
können interkulturelle Aspekte in den thematischen
Unterrichtsstoff einfließen (z.B. durch die Behandlung von
Themen wie "Islamische Spuren in Europa", "Türkei als
Zufluchtsland für deutsche Bürger zwischen 1933 und 1945"
usw.).
Die Schule ist einerseits
der Ort, wo Kulturen aufeinanderprallen, Konflikte
ausgetragen werden und ausländische Jugendliche unter
schlechten Leistungen leiden. Aber Schulen haben enormes
Potenzial. "Und deswegen ist es so wichtig, dass die Schule
den Mut und die Möglichkeiten bekommt, soziales Lernen als
wichtigstes Unterrichtsergebnis anzusehen, dass sie Formen
der Auseinandersetzung, der Streit- und Verständigungskultur
in der Schule entwickelt und dass im Umgang von Lehrern mit
Schülern ganz praktisch, modellhaft, erfahren werden kann,
wie man couragiert, friedlich, sich streitend und sich
verständigend miteinander umgeht." |