Gewalt an Schulen

Nicht nur ein Integrationsproblem. Der Schlüssel heißt: Bildung
13. April 2006
Kinder aus Migrantenfamilien besuchen überdurchschnittlich oft die Hauptschule (44 Prozent gegenüber 19 Prozent der Deutschen), obwohl sie die gleichen Leistungspotenziale haben. Gründe sind soziale Benachteiligung, Arbeitslosigkeit und Armut und daraus resultierende oder dadurch verstärkte Bildungsferne der Familien. Verbunden mit der Perspektivlosigkeit für die eigene Zukunft fördert dies Respektlosigkeit und Gewaltbereitschaft. Aufgabe der Politik ist es, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, präventiv zu handeln und die Rahmenbedingungen neu zu setzen.

Alte Versäumnisse machen sich bemerkbar

Bedauerlicherweise hat die Mehrheit der politisch Verantwortlichen allzu lange nicht wahrhaben wollen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Erst mit dem rot-grünen Zuwanderungsgesetz wurde dies offiziell bekundet. Als Folge daraus stehen Integrationsmaßnahmen bei uns erst am Anfang. Versäumte Integration muss jetzt nachgeholt werden, zum Beispiel durch den Ausbau von Sprach- und Integrationskursen für Erwachsene. Die Mittel dafür dürfen nicht, wie von der großen Koalition geplant, gekürzt werden.

Rufe nach Abschiebung und Aussondern von Problemfällen in Förderschulen oder Internate sind keine zukunftsweisenden Ansätze. Denn es sind unsere eigenen gesellschaftlichen Probleme, die wir hier in Deutschland zu lösen haben. Diejenigen, die besonders laut nach Sanktionen rufen, haben Integration viel zu lange blockiert. Wir müssen Eltern, Schülerinnen und Schüler mehr einbeziehen. Wer sich mit der Schule identifizieren kann, gestaltet mit, trägt Verantwortung und erfährt gleichzeitig soziales Miteinander.

Rechte und Pflichten

Es ist richtig und notwendig, von Migrantinnen und Migranten auch die Bereitschaft zur Integration einzufordern. Rechte ziehen auch Pflichten nach sich. Dies ist aber nur möglich, wenn auch Voraussetzungen geschaffen werden, die Integration fördern. Ein wichtiger Schlüssel dafür ist das Bildungssystem.

Notwendige Veränderungen im Bildungssystem

  1. Der wichtigste Ansatzpunkt ist für uns die vorschulische Bildung: Sprachförderung sowie die Vermittlung gemeinsamer Werte und Regeln müssen bereits in Kindertagesstätten selbstverständlich sein. Eltern sollten umfassend beraten und Kitas zu Familienzentren ausgebaut werden.
  2. "Kein Kind darf zurückgelassen werden" muss Motto an allen Schulen sein. Individuelle Förderung und die Entwicklung von Leistungspotenzialen kann nur gelingen, wenn Kinder und Jugendliche nicht in "Restschulen" abgehängt werden. Daher ist die Mehrgliedrigkeit keine Schulstruktur der Zukunft. Besser ist es, wenn Kinder länger gemeinsam und voneinander lernen. Ganztagsschulen sind besonders geeignet, vielfältige Bildungsangebote zu machen. Schulen brauchen ein Budget, mit dem sie unterschiedliches Personal für ihre jeweiligen Aufgaben einstellen können.
  3. Die Kooperation von Schule und Jugendhilfe muss gestärkt werden, auch unter Einbeziehung der Eltern. Eltern und Schule sollten Erziehungsziele und feste Regeln konkret vereinbaren und durch konsequentes Handeln durchsetzen.
  4. Für Lehrerinnen und Lehrer brauchen wir eine Qualifizierungsoffensive. Pädagogische und didaktische Fähigkeiten müssen durch Aus- und Fortbildung verstärkt werden. Zu den Kernkompetenzen zählt auch, mit Unterschiedlichkeit positiv umgehen zu können. Junge Migrantinnen und Migranten sollten ermutigt werden, ein Lehramtsstudium aufzunehmen.
  5. Nicht zuletzt brauchen Jugendliche aus sozial schwachen Familien und vor allem aus der Zielgruppe der benachteiligten Migrantenfamilien eine bessere Berufsorientierung und Berufsberatung. In Betrieben, die von Migrantinnen und Migranten geführt werden, sind noch viel mehr Ausbildungsplätze möglich.