Zusammenfassung des Vortrags vom 8.Mai 2006 zum Thema:

Muttersprachenverbot auf dem Schulhof – Chance oder Behinderung? -

Deutsch sprechen als Pflicht?

von Priska Schumann für den Ausländerbeirat Marburg

Gäste:

􀂃 Professorin Dr. Charlotte Röhner: „Erstspracherwerb und Mehrsprachigkeit- Muttersprache als Basis der Sprachentwicklung“

(Universität Wuppertal, Erziehungswissenschaft)

􀂃 Professor Dr. Matthias Bös: „Schule und Integration von Jugendlichen“

(Universität Marburg, Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung; Institut für Soziologie)

􀂃 Frau Krams: „Aktuelles Bild an Marburger Schulen“

(Astrid – Lindgren - Schule)

􀂃 Turhan Dalmis: „Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht“

(KOALA): ein Programm, zweisprachige Kinder zu alphabetisieren

I.     Professorin Dr. Charlotte Röhner eröffnete ihren Vortrag mit drei Statements, die mit der aktuellen Diskussion um die Migrationspolitik und den Spracherwerb in Zusammenhang zu stellen sind und sie in Frage zu stellen:

• Fokussierung auf das Deutschlernen als nationalistisch verkürzte Perspektive

• Europäische Sprachenpolitik sieht in Europas Zukunft den Erwerb von 3 Sprachen vor

• Europäisches Sprachenportofolio

Mehrsprachigkeit sieht sie als eine gesellschaftliche Realität, die permanent erhalten bleibe. Mehrsprachigkeit sollte somit ein Bildungsziel sein, und damit einhergehend den Migranten Anerkennung, Wertschätzung und „Sprachenbewusstsein“ entgegenbringen.

Das Aufwachsen mit zwei Sprachen ist Normalität, bewusstes Sprechen und Denken in verschiedenen Sprachen eine normale Angelegenheit. Die Erstsprache ist hat die wichtige Rolle der Wegbereiterin der Zweitsprache. Sie hat eine prägende Rolle, und ist deshalb wichtig für den Erwerb der Zweitsprache. Es entsteht für Kinder kein Nachteil durch die Zweisprachigkeit, es führt nicht zu einer Überforderung, im Gegenteil, oft entsteht daraus ein Entwicklungsvorteil.

Der Erstsprachenerwerb muss auch im Kontext der Identitätsentwicklung betrachtet werden. Damit gemeint sind familiäre und kulturspezifische Normen, die sich in sprachlichen Interaktionsprozessen widerspiegeln.

Somit gelangt man zu dem emotionalen Aspekt von Sprache. Sprache und Gefühl sind ein tragendes Element der Sprachentwicklung. Mit der Erstsprache wird eine emotionale Basis, eine emotionale Stabilität, für den weiteren Spracherwerb geschaffen.

Betrachtet man nun die Kommunikation der Migranten in ihrer Erstsprache sieht man, dass sie sich in dieser ohne jegliche Distanz artikulieren können, Meinung, Gefühl etc. genaustens wiedergeben könne. Die Muttersprache ist ein Menschenrecht, das nicht angegriffen werden sollte.

Sprach- und Identitätsbrüche von Migrantenkindern bei Eintritt in das Bildungssystem sind keine Seltenheit. Diese Brüche können sich in Verstummen oder einer Identitätsdiffusion zeigen. Es kommt zu einem Verlust der erstsprachigen Persönlichkeit. Sprach- und Handlungswissen verliert sich bei dem Übergang in Bildungsinstitutionen. Die Kinder werden zurückgeworfen, wenn der Wegbereiter Erstsprache nicht mit einbezogen wird. es besteht demnach also ein Zusammenhang von Erst- und Zweitsprachentwicklung. Ist die Erstsprache gut entwickelt und wird unterstützt, ergibt sich daraus ein positiver Effekt auf das Lernen der Zweitsprache. Das Erlernen einer Zweitsprache dauert bis zu sechs Jahren, die Zeit, die auch die Erstsprachlerner dieser Sprache benötigen. Es ist also utopisch, das Beherrschen einer Zweitsprache nach kürzerer Zeit vorauszusetzen.

Eltern sollten Kindern zwei Sprachen nicht nacheinander lehren, sondern gleichzeitig. Wird die Zweitsprache, in diesem Fall das Deutsche, von den Eltern nicht gut beherrscht, sollte man den Kindern die Zweitsprache nicht beibringen, da die Kinder die fehlerhafte Sprache verinnerlichen und sich insbesondere grammatische Fehler so einprägen, dass man sie später nur mit Mühe korrigieren kann.

Das unterstützende Milieu (Eltern, Peergroup etc.) und der kulturelle Hintergrund der Eltern sind entscheidend und Wegbereiter für die emotionale, sprachliche Stabilität des Kindes.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Konzentration auf die deutsche Sprache eine Fehlentscheidung ist. Nur mit einer gut beherrschten, akzeptierten Erstsprache kann die Zweitsprache problemlos erlernt werden. Eltern sollten hier eine unterstützende Funktion übernehmen.

II.     Professor Dr. Matthias Bös leitete seinen Beitrag mit der Feststellung ein, dass das Beherrschen mehrerer Sprachen im Alltag im geschichtlichen Kontext Standart ist. Der historische Normalzustand in die Mehrsprachigkeit.

Die Entwicklung von Nationalsprachen löste die geographisch begründeten, sprachlichen Unterschiede eines Landes (In der Weimarer Republik konnte in der ersten Radiosendung

Norddeutsche keine Süddeutschen verstehen, die französische Revolution wurde noch in acht verschiedenen „ Französischs“ erklärt)

Nationalsprachen sind demnach also antrainiert. Für uns ist eine homogene Landessprache ein Normalzustand und eine Norm. Man kann von einer Verinnerlichung der Idee der Nationalsprachen sprechen.

Es folgten einige Beispiele, die die Integration durch Aufgabe der Erstkultur forderten und Migranten den unteren sozialen Schichten zuordneten. Alle Beispiele machen die falsche Herangehensweise an das Problem „Integration“ deutlich.

In den 20-er Jahren wurde in Amerika gefordert, dass die Einwanderer „amerikanisiert“ werden sollten. Dies sollte zu einer besseren „Integration“ führen. Die Schlussfolgerung einer amerikanischen Studie zeigte, dass die Amerikaner selbst „amerikanisiert“ werden mussten. Es hätte also eine Integration aller Gruppen von statten gehen müssen.

Eine weitere Annahme bestand darin, dass der Zweisprachenerwerb ein Problem darstelle. Zweisprachige Kinder wären vor allen Dingen in der Unterschicht zu finden. Diese Begründung erwies sich als falsch und widerlegte die These von dem Zusammenhang der sozialen Schicht und der Mehrsprachigkeit.

Im Weltvergleich kann Deutschland im Mittelfeld, die Integration betreffend, angesehen werden. Vorurteile sind in Deutschland stark verbreitet, das Schulsystem offenbart Probleme, der Arbeitsmarkt jedoch kann als positiver Faktor genannt werden, da hier nur eine geringe Diskriminierung erfolgt. Auch die Ghettobildung, also abgeschlossene, ethnische Enklaven, sind in Deutschland nicht existent.

Das Sprachproblem und die ethnische Herkunft sind jedoch für die Eingliederung in die Berufs- und Bildungshierarchie entscheidend. Schlechtere ökonomische Situationen, schlechtere Arbeitstätigkeiten gehen mit der schlechten Beherrschung der Sprache einher.

Für die Zukunft sieht Herr Bös in 2- 3-Generationen ein Zweisprachensystem in Europa voraus. Mindestens Englisch als Zweisprache wird vorauszusehen Standart.

Auch zum Thema Gewalt und Migranten referierte Herr Bös. Er machte deutlich, dass in jeder Jugendkultur Gewalt eine Rolle spielt. Die Gewaltbereitschaft von ausländischen Jugendlichen in Deutschland steigt erst nach etwa 4-8 Jahren. Einen direkten Zusammenhang von Gewalt( an Schulen z.B.) und ausländischen Jugendlichen ist also nicht herzustellen. Insgesamt betrachtet ist das Gewaltpotential in Deutschland sehr viel niedriger als in Ländern wie Amerika oder Frankreich.

Herr Bös beendete seinen Vortag mit der Aussage, dass die Fixierung auf Vorurteile und deren Lösung nicht Kern werden darf. Man muss hingegen andere Themenpunkte so verändern, dass Vorurteile automatisch mit den Veränderungen, als eine Art Nebeneffekt, abgebaut werden.

III.     Frau Krams schilderte die Themenpunkte der Mehrsprachigkeit und Integration in Schulen als Direktorin der Astrid - Lindgren – Schule und als Vertreterin der Schulen Marburgs.

Angebote, die auf eine Integration mit Berücksichtigung auf die Erstkultur der Kinder an der Astrid - Lindgren – Schule zielen, sind etwa das Erstellen eines Multikulti- Kalenders, der verstärkte Einbezug der Eltern, wie z.B. in den Sachunterricht, und einen nicht getrennten Religionsunterricht.

Frau Krams betonte die Wichtigkeit der Elternarbeit, da der kurze Zeitrahmen der Schule und die Kinder nicht ausreichen, um Integration voranzutreiben.

Da viele der Kinder dieser Schule aus der Türkei kommen, wurde das Unterrichten in Türkisch angeboten, um die Erstsprache zu fördern, und den Kindern durch die Akzeptanz der Erstsprache eine emotionale Stabilität entgegen zu bringen. Dieses Angebot wurde jedoch nicht wahrgenommen.

Es ist also wichtig, die Eltern mit in das Geschehen einzubeziehen, um eine Systematik in die Elternarbeit zu bekommen, um die Kinder zu unterstützen. Nicht nur die Schule kann in einem zeitlich knapp bemessenen Rahmen und mit aus vielen Nationalitäten bestehenden Klassen Integration bewirken.

IV. Herr Dalmis kam als Lehrervertretung der Organisation KOALA und erläuterte das dazugehörige Modell am Beispiel des Deutschen und Türkischen.

Ausländische Kinder kommen laut Herrn Dalmis in der Regel ohne auszureichende Sprachkompetenzen in die Schule. Weder im Kindergarten, in der Schule und von den Eltern kommt keine ausreichende Unterstützung bei der Sprachentwicklung (die Vorlaufskurse decken nicht das Sprachdefizit ab.).

Die Schule ist monolinguistisch ausgerichtet und ignoriert in der Regel die mitgebrachte

Muttersprache. Das pädagogische Grundprinzip, „ Die Kinder dort abholen wo sie stehen“, erfolgt demnach nicht.

Das Konzept von KOALA setzt an diesem Punkt an. Im Anfangsunterricht sollen beide

Sprachen und Kulturen in Position zueinander gesetzt werden. Ein bewusster Umgang

mit der Zweisprachigkeit soll erzielt werden.

Für die Umsetzung ist die Kooperation von beiden Lehrkräften notwendig, um so

den Unterrichtsinhalt und die Unterrichtsmethoden anzugleichen

Als Ziel dieses Konzeptes können genannt werden:

• Förderung von Sprachkompetenz und Beschleunigung des Schriftspracherwerbs

• Festigung der im Deutschen gelernten Laute und Buchstaben

• Vermeidung von Interferenzen durch Kontrastieren

• Durch den Einbezug der emotionalen Dimension kommt es zu einer Wertschätzung der anderen Kultur und Sprache

• Förderung selbständigen Lernens und Umgang mit Mehrsprachigkeit und Multikulturalität

Zur Methode ist zu sagen, dass zeitlich versetzt Laute und Buchstaben im Vergleich gesehen werden. Wie ist z.B. das „A“ im Türkischen, wie hören sich türkische Wörter mit dem Anfangsbuchstaben „A“ an?

KOALA bezeichnet sich selbst nicht als ein fertiges Projekt.